Wie schafft es ein Kind  trocken zu werden?

Oft sind es gar nicht die Kinder, die die Windeln so schnell wie möglich loswerden wollen, sondern…na, wer? Und warum?

Anscheinend wird es vielfach als ein Qualitätsmerkmal der Erziehung angesehen, ein Kind so früh wie nur möglich trocken zu haben. Und die Kinder, die da nicht mithalten können, werden ausgeschimpft, als hätten sie es mit Absicht getan und brauchten sich nur vorzunehmen, damit aufzuhören. Aber wann ein Kind frühestens trocken sein kann, ist eher eine Frage der Reife des Nervensystems als der Erziehung. Mädchen schaffen es in der Regel eher als Jungen. Auch Erbfaktoren scheinen eine Rolle zu spielen.

Frühestens das Zweijährige kann einhalten, bis es auf dem Topf sitzt, und dann willentlich Wasser lassen. Erst das Sechsjährige ist vor gelegentlich nassen Überraschungen einigermaßen sicher. Aber nahezu alle Kinder werden innerhalb dieses Zeitraums trocken, ohne dass man dazu ein für alles strapaziöses Erziehungsprogramm durchziehen müsste. Beim einen klappt es schon mit zwei Jahren fast über Nacht, beim anderen sehr viel später. Das eine wird nie mehr rückfällig, das andere noch häufig.

Wenn sie ihr Kind mit dem Töpfchen traktieren, bevor es für eine willentliche Blasenkontrolle reif ist, können Sie höchstens mit viel Aufwand eine Dressur der Reflexe erreichen. Wenn sie es dann ausschimpfen oder gar strafen, weil es nicht in den Topf macht, tun Sie ihm bitter unrecht. Es muss den Eindruck gewinnen, dass es Ihnen so, wie es ist, nicht lieb ist, dass es das, was es leisten soll, nicht leisten kann. Das untergräbt das Selbstwertgefühl. Es wird also leicht das Gegenteil dessen erreichen, was beabsichtigt war. Je ängstlicher und verzagter ein Kind wird, desto eher wird aus einer einfachen „Verspätung“ ein seelisches Problem. Außerdem gewinnt die ganze Angelegenheit ein Gewicht, das sie überhaupt nicht verdient. Eltern, die ihr Kind so früh wie möglich sauber und trocken haben möchten, müssen dafür sehr viel Zeit aufbringen. Und diese Zeit könnten sie doch viel besser verwenden – zum Vorlesen, zum Schmusen, zum Spielen.

Warten sie also ruhig ab, bis ihr Kind selbst Interesse daran zeigt, wie ältere Freunde oder Geschwister, wie die Erwachsenen aufs Töpfchen oder auf die Toilette zu gehen. Freuen Sie sich gemeinsam, wenn es klappt, machen Sie aber kein Aufheben davon, wenn es nicht klappt. Das kommt schon noch. Oder warten Sie auf den nächsten Sommer. Wenn ein Kind nackt oder mit dünnem Höschen bekleidet selbst beobachten kann, was da unten abläuft, begreift es viel leichter, als wenn der Segen zu Winterzeiten wohlig warm ins dicke Windelpaket läuft.

Die meisten Kinder sind tagsüber eher trocken als in der Nacht. Viele Drei-, Vier-, Fünf-jährige machen nachts noch ins Bett. Das ist überhaupt nichts Besonderes. Wenn ihr Kind also zu denen gehört, die nachts „immer noch nicht“ trocken sind, üben Sie sich bitte in Geduld! Kein Kind macht absichtlich oder aus Bosheit ins Bett. Jedes wäre morgens lieber trocken, auch wenn es zum Selbstschutz vielleicht so tut, als sei ihm das völlig egal. Lassen Sie sich da nicht täuschen!

Erwarten Sie auch nicht, dass, was einmal geklappt hat, nun für alle Zeit so bleiben muss. Trösten Sie ihr Kind lieber, wenn es doch wieder mal nass war. Und starren sie nicht so auf diese Misserfolge. Zählen Sie lieber die trockenen als die nassen Nächte – vielleicht mag Ihr Kind sie auch mit einem fröhlichen Bildchen auf einem Kalender markieren. Die nassen sind der Erwähnung nicht wert.

Wenn sie nicht ausreichend Gelassenheit aufbringen, dann lassen Sie Ihrem Kind lieber noch eine Weile nachts Windeln tragen. Lassen Sie sie erst weg, wenn das nasse Bett die Ausnahme ist. Das schont die Nerven.

Kinder, die Schwierigkeiten haben, nachts trocken zu bleiben, müssen erst noch lernen, die volle Blase als Weckreiz wahrzunehmen. Das kann daran liegen, dass sie besonders tief und fest schlafen. Es ist aber weniger sinnvoll, so ein Kind am späten Abend oder gar mehrmals in der Nacht zu wecken und auf den Topf zu setzen. Das Bett bleibt dann vielleicht eher trocken, das Kind hat dabei aber nichts gelernt. Denn die Kontrolle kam von außen, nicht von innen. Gewöhnen Sie ihr Kind auch am Tag nicht daran, auf Kommando aufs Töpfchen zu gehen. Fragen Sie es lieber häufiger, ob es mal muss, um seine Aufmerksamkeit auf dieses Spannungsgefühl zu lenken.

Kinder, die nachts lange ins Bett machen, haben oft eine recht kleine, untrainierte Blase. Sie kann größere Mengen Flüssigkeit noch nicht längere Zeit festhalten. Schon bei geringer Füllung läuft sie einfach über. Das bessert sich aber nicht dadurch, dass Sie Ihrem Kind abends nichts mehr zu trinken geben. Im Gegenteil! Mehr Flüssigkeit trainiert die Blase, und eine volle Blase meldet sich deutlicher als eine halbvolle.

Überhaupt konzentrieren diese Prozeduren Ihre und Ihres Kindes Aufmerksamkeit zu sehr auf diese eine Sache, die es noch nicht kann. Das untergräbt das Selbstvertrauen. Achten Sie lieber mehr auf das, was Ihr Kind gut kann, und auf seine liebenswerten Eigenschaften. Davon hat es doch eine Menge. Was zählt dagegen schon eine nasse Hose? Schenken Sie Ihrem Kind viel Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit, vermitteln Sie ihm die Zuversicht, dass das Nassmachen schon aufhören wird. Dann wird es auch bald sagen können: „Ich brauche keine Windel mehr!“

25 Ratschläge eines Kindes an seine Eltern/Erzieher

1

Verwöhne mich nicht. Ich weiß ganz gut, dass ich nicht alles, was ich verlange, haben muss. Ich teste dich ja nur.

2

Hab keine Angst, mit mir bestimmt umzugehen. Ich ziehe es vor, dann weiß ich, woran ich bin.

3

Zwing mich nicht. Das lehrt mich, dass nur Macht zählt. Ich reagiere besser auf Anleitung.

4

Sei nicht wechselhaft. Das verwirrt mich und ich versuche immer mehr, das zu erreichen, was ich will.

5

Falle nicht auf meine Herausforderungen herein, wenn ich etwas sage oder tue, nur um dich aus der Fassung zu bringen. Dann werde ich nämlich versuchen, nur noch solche „Siege“ zu erringen.

6

Sorge dich nicht zu sehr, wenn ich sage, dass ich dich hasse. Ich möchte ja nur, dass es dir leid tut, wenn du mir etwas angetan hast.

7

Mach nicht, dass ich mich kleiner fühle, als  ich bin. Dann werde ich mich nämlich wie ein toller Kerl benehmen.

8

Tu nichts für mich, was ich selber tun kann. Sonst fühle ich mich wie ein Baby und stelle dich weiterhin in meine Dienste.

9

Befass dich nicht zu sehr mit meinen schlechten Gewohnheiten. Das veranlasst mich nämlich, sie zu behalten.

„Hier fühlen wir uns einfach wohl!“

10

Korrigiere mich nicht vor anderen Leuten. Es beeindruckt mich viel mehr, wenn du ruhig und allein mit mir sprichst.

11

Versuche nicht, mein Benehmen während eines Streites zu besprechen. Aus bestimmten Gründen kann ich zu dieser Zeit nicht so gut zuhören. Du kannst ja handeln, besprechen wollen wir es später.

12

Versuche nicht zu predigen. Du wirst dich wundern, wie gut ich weiß, was richtig und falsch ist.

13

Sag mir nicht, dass meine Fehler Sünde sind. Ich muss lernen, Fehler zu machen, ohne zu glauben, dass ich deshalb schlechter bin.

14

Nörgle nicht. Um mich zu schützen, muss ich so tun als ob ich taub wäre.

15

Verlange keine Erklärungen für mein falsches Benehmen. Ich weiß wirklich nicht, warum ich es getan habe.

16

Stelle meine Ehrlichkeit nicht in Frage. Ich bekomme leicht Angst und erzähle Lügen.

17

Vergiss nicht, dass ich gern Experimente mache. Ich lerne davon, darum lass mich doch.

18

Schütze mich nicht, ich muss aus Erfahrung lernen.

„Kindergartenzeit ist die schönste Zeit!“

19

Schenke meinen Leiden nicht zu viel Aufmerksamkeit. Es könnte sonst sein, dass ich eine schwache Gesundheit schätzen lerne, weil sie mir so viel Aufmerksamkeit einbringt.

20

Entziehe dich nicht, wenn ich wirklich etwas wissen will. Sonst wirst du merken, dass ich meine Antworten woanders suche.

21

Denk nicht, es sei unter deiner Würde, dich bei mir zu entschuldigen. Eine ehrliche Entschuldigung erzeugt in mir warme Gefühle für dich.

22

Deute nie an, dass du perfekt oder unfehlbar bist. Du wärst ein zu großartiges Vorbild für mich.

23

Sorge dich nicht, dass du wenig Zeit für mich hast. Was zählt, ist, wie wir diese Zeit verbringen.

24

Vergiss nicht, dass ich ohne sehr viel Verständnis und Ermutigung nicht gedeihen kann.

25

Bedenke: Ich lerne mehr von einem Vorbild als von einem Kritiker.